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Das Weihnachtsgeschenk
von O. Henry (William Sydney Porter)1862 - 1910
Ihr ganzes Vermögen war 1 Dollar, 87 Cent, davon 60 Cent in Pennystücken.
Alles mühsam zusammengekratzt und gespart. Und morgen war Weihnachten.
Nichts blieb übrig, als sich auf die kleine, schäbige Couch
zu werfen und zu heulen. Das tat Della denn auch, und es beweist uns,
daß sich das Leben eigentlich aus Schluchzen, Seufzen und Lächeln
zusammensetzt, wobei das Seufzen unbedingt vorherrscht. Inzwischen betrachten
wir das Heim etwas näher. Es ist eine kleine möblierte Wohnung
zu acht Dollar in der Woche. Sie sieht nicht gerade armselig aus, ist
davon aber auch nicht allzuweit entfernt. Unten im Hausflur hängt
ein Briefkasten, in den niemals Briefe geworfen werden; daneben steckt
der Knopf einer elektrischen Klingel, der kaum jemand je einen Ton abschmeichelt.
Weiter befindet sich dort auch eine Karte, die den Namen "Mr. James
Dillingham Young" trägt. Dieses "Dillingham" war während
einer Zeit vorübergehen den Wohlstandes ins Leben gerufen worden,
als sein Besitzer dreißig Dollar in der Woche verdiente. Jetzt,
da das Einkommen auf zwanzig Dollar zusammengeschrumpft ist, muten die
Buchstaben von "Dillingham" etwas verschwommen an, als ob sie
ernstlich beabsichtigten, sich zu einem bescheidenen anspruchslosen "D"
zusammenzuziehen. Wenn aber Mr. J.D.Y. jeweils seine Etage erreichte,
so wurde er "Jim" gerufen und von Frau J.D.Y., uns bereits als
Della bekannt, zärtlich umarmt, womit das Buchstabenproblem unwichtig
wurde. Somit ist alles in bester Ordnung.
Della hörte zu weinen auf und tröstete ihre Wangen mit der Puderquaste.
Sie stand am Fenster und schaute bedrückt einer grauen Katze zu,
die im grauen Hinterhof über einen grauen Zaun balancierte. Morgen
war Weihnachten, und sie hatte nur das wenige Geld, um Jim ein Geschenk
zu kaufen.
Im Zimmer hing zwischen den Fenstern ein Spiegel. Wie hingewirbelt stand
Della plötzlich mit hell leuchtenden Augen vor ihm. Rasch löste
sie ihr Haar und ließ es in seiner ganzen Länge fallen.
Im Besitze der J.D.Y.s gab es zwei Dinge, in die sie ihren ganzen Stolz
setzten. Das eine war Jims goldene Uhr, die vor ihm seinem Vater und seinem
Großvater gehört hatte. Das andere war Dellas Haar. Hätte
in der Wohnung jenseits des Hofes die Königin von Saba gewohnt, Della
hätte ihr Haar zum Trocknen aus dem Fenster gehängt, einzig
und allein, um die Juwelen und Schmuckstücke ihrer Majestät
wertlos erscheinen zu hassen. Und wäre König Salomon mit all
seinen aufgestapelten Schätzen selbst Concierge des Hauses gewesen,
Jim hätte jedesmal beim Vorbeigehen seine Uhr gezückt, um zu
sehen, wie König Salomon sich vor Neid den Bart ausrupfte.
So fiel Dellas Haar wie ein goldener Wasserfall glänzend und sich
kräuselnd an ihr herab. Es reichte ihr bis unter die Knie und formte
beinahe einen Mantel. Mit nervösen Fingern steckte sie es rasch wieder
auf. Einmal zögerte sie einen Augenblick. Zwei Tränen fielen
auf den abgetragenen roten Teppich. Sie schlüpfte in die alte braune
Jacke, setzte den alten braunen Hut uf und huschte, immer noch das glänzende
Leuchten in den Augen, zur Tür hinaus, die Treppen hinunter und durch
die Straße. Sie stand erst still, als sie bei einem Schild anlangte,
auf dem zu lesen war: "Mme. Sofronie, An- und Verkauf von Haar aller
Art." In einem Satz rannte Della ein Stockwerk hinauf; keuchend hielt
sie an und faßte sich. Madame, groß, massig, zu weiß
gepudert, sehr kühl, sah kaum aus, als wäre sie "Sofronie".
"Kaufen Sie mein Haar?" fragte Della. "Ich kaufe Haar",
sagte Madame. "Nehmen Sie den Hut ab und zeigen Sie, was Sie haben."
Herunter rieselte der braune Wasserfall. "20 Dollar", mit geübter
Hand wog Madame die Masse.
"Geben Sie es, rasch", sagte Della. Oh, und die zwei folgenden
Stunden vergingen wie auf rosigen Schwingen. Vergessen war die zermürbende
Vorstellung der fehlenden Haare. Sie durchstöberte die Läden
auf der Suche nach Jims Geschenk. Endlich fand sie es. Sicher war es für
Jim und niemand anders gemacht. Nichts kam ihm gleich in keinem der Läden.
Es war eine Platin-Uhrenkette, einfach und geschmackvoll in Form und Zeichnung.
Sie war es sogar wert, die Uhr zu ketten. Sobald Della die Kette sah,
wußte sie, daß sie Jim gehören mußte. Sie war wie
er. Einundzwanzig Dollar nahmen sie ihr dafür ab, und mit den 87
Cent eilte sie heim. Mit dieser Kette au seiner Uhr durfte Jim in jeder
Gesellschaft so eifrig, wie er wollte, nach der Zeit sehen. So schön
die Uhr war, schaute er nämlich manchmal scheu darauf, weil das alte
Lederband, das er an Stelle einer Kette benützte, so schäbig
war.
Als Della zu Hause ankam, ließ ihr Taumel nach, und sie wurde etwas
vernünftig. Sie holte ihre Brennschere heraus, zündete das Gas
an und machte sich daran, die Verheerung, die Großmütigkeit
zusammen mit Liebe angerichtet hatte, wieder gut zu machen, was immer
eine Riesenarbeit ist, liebe Freunde - eine Mammutaufgabe.
Nach vierzig Minuten war ihr Kopf mit kleinen, nahe beisammenliegenden
Löckchen bedeckt, die ihr ganz das Aussehen eines Lausbuben gaben.
Lange schaute sie ihr Bild an, das der Spiegel zurückwarf, kritisch
und sorgfältig. "Wenn Jim mich nicht tötet", sagte
sie zu sich selbst, "bevor er mich ein zweites Mal anschaut, so wird
er sagen, ich sehe aus wie ein Chormädchen von Coney Island. Aber
was konnte ich tun - oh, was konnte ich tun mit i Dollar und 87 Cent?"
Um sieben Uhr war der Kaffee gemacht, und die heiße Bratpfanne stand
hinten auf dem Ofen, bereit, die Koteletts aufzunehmen, die darin gebraten
werden sollten.
Jim kam nie spät. Della nahm die Kette in die Hand und setzte sich
auf den Tisch bei der Türe, durch die er immer hereinkam. Dann hörte
sie entfernt seinen Schritt im ersten Stockwerk, und für einen Augenblick
wurde sie ganz weiß. Sie hatte die Gewohnheit, im stillen kleine
Gebete für die einfachsten Alltagsdinge zu sagen, und sie flüsterte
vor sich hin: "Lieber Gott, mach, daß er denkt, ich sei immer
noch hübsch."
Die Tür öffnete sich. Jim kam herein und schloß sie. Er
war mager und hatte ein sehr ernstes Aussehen. Armer Kerl, erst zweiundzwanzig
und schon mit einer Familie beladen. Er hätte dringend einen neuen
Mantel gebraucht und hatte keine Handschuhe. - Jim blieb an der Tür
stehen so unbeweglich wie ein Jagdhund, der eine Fährte wittert.
Seine Augen waren auf Della gerichtet und hatten einen Ausdruck, den sie
nicht deuten konnte und der sie erschreckte. Es war nicht Ärger.
Della sprang vom Tisch herunter und lief auf ihn zu.
"Jim, Lieber", rief sie weinend, "schau mich nicht so an.
Ich ließ mein Haar abschneiden und verkaufte es, weil ich es nicht
ausgehalten hätte, ohne dir ein Geschenk zu Weihnachten zu geben.
Es wird wieder nachwachsen. Du bist nicht böse, nicht wahr? Ich mußte
es einfach tun. Mein Haar wächst unheimlich schnell. Sag >Fröhliche
Weihnachten<, Jim, und laß uns glücklich sein. Du weißt
ja gar nicht, welch schönes - wunderbar schönes Geschenk ich
für dich habe."
"Dein Haar hast du abgeschnitten?" fragte Jim mühsam, als
hätte er selbst mit der strengsten geistigen Arbeit diese offensichtliche
Tatsache noch nicht erfaßt.
"Abgeschnitten und verkauft", sagte Della. "Verkauft ist
es, sag' ich dir, verkauft und fort. Heute ist doch Heiliger Abend, du.
Sei lieb, es ist doch für dich. Sei lieb, ich gab es ja für
dich weg. Es kann ja sein, daß die Haare auf meinem Kopf gezählt
waren", fuhr sie mit plötzlicher, ernsthafter Verliebtheit weiter,
"aber niemand könnte je meine Liebe zu dir zählen. Soll
ich jetzt die Koteletts auflegen, Jim?"
Nun schien Jim rasch aus seinem Trancezustand zu erwachen. Er nahm Della
in seine Arme. Für zehn Sekunden wollen wir mit diskreter Genauigkeit
irgendeinen belanglosen Gegenstand in entgegengesetzter Richtung eingehend
betrachten. Acht Dollar in der Woche oder eine Million im Jahr - was ist
der Unterschied? Ein Witzbold und ein Mathematiker würden uns beide
eine falsche Antwort geben. Indessen zog Jim ein Päckchen aus seiner
Manteltasche und warf es auf den Tisch.
"Du mußt dir über mich nichts Falsches vorstellen, Della",
sagte er. "Ich glaube, da gäbe es kein Haarschneiden, Dauerwellen
oder Waschen in der Welt, das mich dazu brächte, mein Frauchen weniger
zu lieben. Aber wenn du das Paket da auspackst, wirst du sehen, warum
ich mich zuerst eine Weile nicht erholen konnte."
Weiße Finger zogen an der Schnur, rissen am Papier. Ein begeisterter
Freudenschrei. Und dann - o weh ein rascher, echt weiblicher Wechsel zu
strömenden Tränen und lauten Klagen erforderte die Anwendung
sämtlicher tröstender Kräfte und Einfälle des Herrn
des Hauses. Denn da lagen sie, die Kämme - die Garnitur von Kämmen,
seitlich und rückwärts einzustecken, die Della so ange im Schaufenster
einer Hauptstraße bewundert hatte. Fabelhafte Kämme, echtes
Schildpatt, mit echten Steinen besetzt - gerade in den Farbtönen,
die in dem wundervoll verschwundenen Haar so schön gespielt hätten.
Es waren teure Kämme. Sie wußte es. Mit ganzem Herzen hatte
sie diese Wunder begehrt. Und jetzt gehörten sie ihr, aber die Zöpfe,
die mit diesen begehrenswerten Schmuckstücken hätten geziert
werden sollen, waren fort.
Trotzdem drückte sie sie an ihr Herz, und endlich konnte sie auch
mit verschleierten Augen aufsehen und lächelnd sagen: "Mein
Haar wächst ja so schnell, Jim!"
Und dann sprang Della auf wie eine kleine Katze, die sich gebrannt hat,
indem sie immerzu "Oh, oh" rief. Jim hatte ja sein wunderschönes
Geschenk noch nicht gesehen. Sie hielt es ihm auf der offenen Hand eifrig
entgegen. Das wertvolle, matt glänzende Metall schien ihre heitere
und feurige Seele widerzuspiegeln.
"Ist es nicht großartig - das einzig Wahre? Ich habe danach
gejagt, bis ich es fand. Du wirst jetzt jeden Tag hundertmal sehen müssen,
wieviel Uhr es ist. Gib mir deine Uhr, ich muß sehen, wie die Kette
daran aussieht."
Anstatt zu gehorchen, machte es sich Jim auf der Couch bequem, legte die
Hände hinter den Kopf und lächelte.
"Dell", sagte er, "wir wollen unsere Weihnachtsgeschenke
noch für einige Zeit aufbewahren, sie sind zu schön, als daß
wir sie jetzt gebrauchen könnten. Denke, ich habe die Uhr verkauft,
um das Geld für deine Kämme zu erhalten. Und jetzt, glaub' ich,
ist es das beste, du stellst die Koteletts auf."
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